Fact-Finding-Mission am Sevansee: Grundstein für eine Betreiberpartnerschaft und nachhaltige Abwasserlösungen in Armenien

Die Stadtentwässerung Dresden geht eine neue Betreiberpartnerschaft mit armenischen Kommunen rund um den Sevansee ein

Vom 12. bis 19. April 2026 reiste ein Team der Stadtentwässerung Dresden GmbH (SEDD) nach Armenien, um im Einzugsgebiet des ökologisch sensiblen Sevansees die Basis für eine neue Betreiberpartnerschaft zu legen. Gemeinsam mit den Partnerkommunen Gavar, Vardenis und Martuni sowie der GIZ Armenien wurden Ausgangslage, Zuständigkeiten und technische Optionen der kommunalen Abwasserentsorgung erhoben. Darüber hinaus fand ein fachlicher Austausch mit weiteren nationalen und internationalen Akteuren statt, darunter die armenische Wasserkommission, die Asian Development Bank (ADB) und die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Ziel war, prioritäre Handlungsfelder zu identifizieren, um Abwassereinträge in den See wirksam zu senken. Die Betreiberpartnerschaft wird im Rahmen des GIZ-Vorhabens „EU4 Sevan“ umgesetzt und durch dieses finanziert. Die Betreiberpartnerschaft wirkt so als komplementäres Instrument im Rahmen der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit.

Ortstermin in Vardenis – Besuch eines besonders belasteten Standorts | Fotos: Stadtentwässerung Dresden GmbH, April 2026.

Der Sevansee unter Handlungsdruck

Der Sevansee – größtes Süßwasserreservoir Armeniens – steht durch Abwassereinleitungen aus umliegenden Siedlungen unter erheblichem Druck. Die armenische Regierung hat das Jahr 2030 als Frist festgelegt, bis zu der die Abwasserentsorgung in jeder Stadt bzw. Gemeinde in Eigenverantwortung organisiert werden muss. Hierfür sind geeignete institutionelle Strukturen aufzubauen sowie die erforderlichen technischen Voraussetzungen und Anlagen zu schaffen.

Belastete Zuflüsse zum Sewansee: Eindrücke aus dem Projektgebiet | Fotos: Stadtentwässerung Dresden GmbH, April 2026.

Vor diesem Hintergrund prüfte die Delegation insbesondere das Potenzial dezentraler, naturnaher Verfahren wie Pflanzenkläranlagen und identifizierte mögliche Pilotstandorte in Gavar, Vardenis und Martuni. Gleichzeitig wurde deutlich, dass technische Lösungen allein nicht ausreichen: Sie müssen durch klare Zuständigkeiten, tragfähige Betriebsmodelle und rechtlich abgesicherte Gebührenstrukturen ergänzt werden. Ebenso entscheidend ist die Reduzierung der Quellenverschmutzung auf Haushaltsebene.

Technische und institutionelle Lösungsansätze

In Gesprächen mit Kommunen, Behörden und internationalen Gebern wurden technische, organisatorische und wirtschaftliche Fragestellungen gemeinsam betrachtet. Gleichzeitig bot der Austausch Gelegenheit, die Zusammenarbeit mit den Partnerkommunen zu vertiefen und persönliche Kontakte auszubauen. Die SEDD-Kollegen nutzten den Aufenthalt zudem für intensive Abstimmungen mit dem lokalen Büro der GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit). Im Mittelpunkt der fachlichen Diskussionen standen die Eignung naturnaher Verfahren, Standortfragen – einschließlich der Abgrenzung öffentlicher und privater Flächen –, Betreiber- und Lizenzanforderungen, Tarifmodelle sowie mögliche Ko-Finanzierungen.

Die Gespräche haben deutlich gemacht, dass es sich um ein breites Spektrum miteinander verknüpfter technischer, organisatorischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Fragestellungen handelt, die im weiteren Projektverlauf systematisch zu strukturieren, zu bewerten und zu priorisieren sind. Die größte Herausforderung besteht dabei weniger in der technischen Ausgestaltung einzelner Lösungen als vielmehr in der Entwicklung einer tragfähigen Betreiberpartnerschaft zwischen den beteiligten Kommunen und lokalen Akteuren. Ziel muss es sein, die unterschiedlichen Interessen, Verantwortlichkeiten und institutionellen Rahmenbedingungen so zusammenzuführen, dass eine langfristig verlässliche Organisation für den Betrieb und die Unterhaltung der abwassertechnischen Anlagen entsteht. Nur durch eine klare Rollenverteilung, gemeinsame Zielsetzungen und ein belastbares Kooperationsmodell kann die nachhaltige Funktionsfähigkeit der vorgesehenen Infrastruktur sichergestellt werden.

Eine Möglichkeit könnte in der Gründung eines interkommunalen Abwasserzweckverbandes, der Governance, Betrieb und Personalentwicklung bündelt, liegen. Ergänzend werden Maßnahmen zum Kapazitätsaufbau entwickelt, darunter Grundlagenschulungen zu Trink- und Abwasser, technische und kaufmännische Betriebsführung sowie Konzepte zur Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Im Bereich Umweltbildung stehen Ideen wie z.B. WASH-Schulclubs, lokale Aktionen wie „Sauberer Bach“ oder die Erarbeitung von zielgruppengerechten Informationsmaterialien im Raum.

Zentrale Erkenntnisse der Mission

Die Fact Finding Mission zeigte, dass in den Pilotkommunen bislang kaum funktionierende Strukturen für den Betrieb der Abwasserentsorgung vorhanden sind. Zuständigkeiten und Betreiberrollen sind ungeklärt und zum Teil nicht existent, qualifiziertes Fachpersonal und erforderliche Lizenzen fehlen vielfach.

Dezentrale, naturnahe Systeme bieten insbesondere für kleinere Gemeinden eine klima- und ressourcenschonende Lösung, können die bestehenden Infrastrukturlücken jedoch nur teilweise schließen. Unverzichtbar bleibt deshalb die Ursachenbehebung direkt am Entstehungsort des Abwassers, beispielsweise durch eine verbesserte Vorbehandlung, höhere Anschlussgrade, Ausbau eines Kanalsystems und die Sanierung bzw. den ordnungsgemäßen Betrieb bestehender Septic Tanks.

Perspektivisch bietet sich die Chance, ein gemeinsames Betriebsmodell zu etablieren, das sowohl wirtschaftlich tragfähig als auch sozial ausgewogen ausgestaltet ist. Hierfür wären Gebührenstrukturen zu entwickeln, die einen nachhaltigen Betrieb der Anlagen ermöglichen und gleichzeitig die finanzielle Leistungsfähigkeit der Bevölkerung berücksichtigen. Gleichzeitig könnten geeignete rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, um transparente und verlässliche Verfahren für die Gebührenerhebung zu etablieren. Ein interkommunaler Ansatz eröffnet dabei die Aussicht, Ressourcen zu bündeln, Synergien zu nutzen und schrittweise eine professionelle, leistungsfähige Betriebsorganisation aufzubauen, die den langfristigen und nachhaltigen Betrieb der abwassertechnischen Anlagen sicherstellt.

Latrine mit direkter Einleitung in einen Bachlauf im Einzugsgebiet des Sewansees | Fotos: Stadtentwässerung Dresden GmbH, April 2026.
Vor-Ort-Aufnahmen belasteter Gewässerzuflüsse zum Sewansee | Fotos: Stadtentwässerung Dresden GmbH, April 2026.

Ausblick und nächste Schritte

Als nächster Schritt gilt es zunächst, die vielfältigen fachlichen, organisatorischen und institutionellen Fragestellungen gemeinsam zu strukturieren, Themenfelder zu schärfen und die Rollen der beteiligten Akteure näher zu definieren. Erst auf dieser Grundlage kann ein abgestimmter Arbeitsplan mit realistischen Zeitvorstellungen und klaren Zuständigkeiten entwickelt werden. Derzeit werden hierzu erste Ideen und fachliche Impulse erarbeitet sowie entsprechende Austauschformate vorbereitet.

Für die beteiligten Pilotkommunen Gavar, Vardenis und Martuni stehen dabei insbesondere Fragen zur zukünftigen Ausgestaltung der Abwasserentsorgung, zu möglichen technischen Lösungsansätzen und zu geeigneten Organisationsformen im Fokus.

Zur Vertiefung des fachlichen Austauschs wird eine Fachkonferenz in Dresden organisiert, bei der die armenischen Partner ihren ersten Gegenbesuch antreten werden. Die Fachkonferenz mit einer breiten Themenvielfalt wird dazu beitragen, Erfahrungen zu teilen, Herausforderungen gemeinsam zu bewerten und mögliche Entwicklungswege für die weitere Projektarbeit zu identifizieren. Begleitend wird geprüft, wie Aspekte der Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung frühzeitig eingebunden werden können, um Akzeptanz, Eigenverantwortung und die aktive Mitwirkung der Bevölkerung langfristig zu stärken.

Austausch zu wasserwirtschaftlichen Herausforderungen mit dem Water Committee Armeniens | Fotos: Stadtentwässerung Dresden GmbH, April 2026.

Erstellt von:
Betreiberplattform
Kategorien:
Arbeitseinsatz und Hospitation
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Armenien
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