Im Zeichen von Solidarität, fachlichem Austausch und dem gemeinsamen Ziel einer stabilen Wasserinfrastruktur pflegt der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) seit November 2022 Solidaritätsbetreiberpartnerschaft mit den ukrainischen Betreibern Miskvodokanal in Sumy und Chernihivvodokanal in Chernihiv. Krieg, Zerstörung und eine anhaltende Ausnahmesituation – mit diesen Bedingungen sehen sich ukrainische Wasser- und Abwasserbetriebe seit Beginn des russischen Angriffskrieges im Februar 2022 konfrontiert. Trotz beschädigter Infrastruktur, Luftalarm und Stromausfällen muss die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und die Abwasserentsorgung weiterhin zuverlässig funktionieren. Internationale Kooperationen sind deshalb zu einem wichtigen Instrument geworden, um Betreiber vor Ort technisch und fachlich zu unterstützen.
Vor diesem Hintergrund begrüßte der OOWV im März 2026 je zwei Fachkräfte aus Sumy und Chernihiv im Trinkwasserlabor in Nethen. Anlass des Besuchs war eine mehrtägige Laborhospitation. Ziel war es, die technischen Fähigkeiten der Laborantinnen weiter zu stärken, lokales Fachwissen aufzubauen und die Abhängigkeit von externen Labors zu verringern.

Ein besonderer Schwerpunkt lag auf der praktischen Schulung an einem Ionenchromatographen, welcher z. B. für die Analyse von Pestiziden und Nitraten genutzt werden kann. Ein vergleichbares Gerät wurde bereits vor rund zwei Jahren im Rahmen der Solidaritätsbetreiberpartnerschaft für Miskvodokanal in Sumy beschafft sowie Schulungen für die ukrainischen Laborantinnen organisiert, um die Trinkwasseranalytik vor Ort zu verbessern. Das ausschließlich aus Frauen bestehende Laborteam bei Miskvodokanal in Sumy kann nun vor Ort komplexe Wasseranalysen durchführen – etwas, das vor 2024 nicht möglich war. Zuvor mussten für diese Art von Analysen Proben von Sumy nach Kyjiw oder Charkiw geschickt werden, was zu Verzögerungen führte und die lokalen Kapazitäten einschränkte.
Die gezielte Stärkung des ausschließlich weiblichen Laborteams leistet zugleich einen Beitrag zur Förderung von Frauen in technischen Berufen der Wasserwirtschaft. Durch die Kombination aus moderner Laborausstattung und praxisnahen Schulungen werden ihre fachlichen Kompetenzen nachhaltig ausgebaut und ihre Rolle innerhalb des Versorgungsunternehmens gestärkt.
Begleitet wurden die Hospitantinnen im März 2026 insbesondere von den OOWV-Laborantinnen Beate Seeger und Mariella Weyhausen. Mariella Weyhausen berichtet, die Gäste seien sehr freundlich, interessiert und wissbegierig gewesen: „Trotz sprachlicher Hürden haben wir uns durch die Unterstützung einer Dolmetscherin gut verständigen können, auch weil viele Fachbegriffe im Ukrainischen dem Deutschen ähneln.“
Neben der Schulung im Labor bot das Besuchsprogramm weitere Einblicke in die Wasserversorgung beim OOWV. So standen unter anderem Besuche des Wasserwerks auf der Insel Spiekeroog sowie des Museums Kaskade in Diekmannshausen auf dem Programm. Letzteres beleuchtet die Geschichte der Wasserversorgung aus der Perspektive des OOWV und bot einen passenden Rahmen für vertiefende Gespräche.
Besonders in Erinnerung blieb den ukrainischen Laborantinnen ein dort ausgestelltes Zitat zur Bedeutung des Wassers. Bernhard von Kampen, der erste Verbandsvorsteher des OOWV, hatte damals gesagt: „Man muss die Not der ersten Nachkriegsjahre gesehen haben, um die Impulse jener Zeit zu begreifen.“ Nataliia Piskova erkannte darin die Ähnlichkeit zu einem Zitat, das an ihrer Pumpstation eins bei Chernihivvodokanal ausgestellt ist: „Das Wasser ist jenes nährende Blut, das Leben dort schafft, wo es zuvor nicht existierte.“
Die Organisation und Koordination des Aufenthalts übernahm Lena Sophie Sept, Projektingenieurin für Betreiberpartnerschaften in der Abteilung internationale Zusammenarbeit und Wasserinnovationsnetzwerke beim OOWV. Sie betont den beiderseitigen Nutzen des Austauschs: „Während wir hier meist auf eingespielte Technik und feste Abläufe zurückgreifen können, sind Fachkräfte in der Ukraine durch die aktuelle Situation gezwungen, deutlich flexibler zu arbeiten und Lösungen neu zu denken. Dieser Perspektivwechsel ist auch für uns sehr wertvoll und schärft den Blick für das Wesentliche.“
Meistens finden Treffen mit den ukrainischen Partnern online statt. Umso wertvoller sind laut Lena Sophie Sept die Gelegenheiten, sich auch persönlich zu begegnen, um an den zuvor online diskutierten Themen arbeiten zu können.
Darüber hinaus zeigt die Betreiberpartnerschaft, wie internationale Zusammenarbeit dazu beitragen kann, den Fachkräftemangel im Wassersektor zu adressieren und Frauen gezielt in technischen Aufgabenfeldern zu fördern. Sie unterstützt damit auch das Nachhaltigkeitsziel SDG 5 „Geschlechtergleichstellung“ und stärkt die Teilhabe von Frauen in traditionell männlich geprägten Branchen wie der Wasser- und Kreislaufwirtschaft sowie dem Abfallmanagement.

Fazit:
Insgesamt verdeutlicht der aktuelle Austausch im Rahmen der Betreiberpartnerschaft, wie eng fachliche Zusammenarbeit und solidarische Unterstützung miteinander verknüpft sind. Durch den praxisnahen Wissenstransfer, gemeinsame Schulungen und den kontinuierlichen Dialog werden die technischen und organisatorischen Kapazitäten der ukrainischen Wasserbetriebe gezielt gestärkt. Gleichzeitig trägt die Zusammenarbeit dazu bei, Frauen in technischen Berufen der Wasserwirtschaft sichtbar zu machen und ihre fachliche Rolle weiter zu stärken – ein wichtiger Beitrag zur Förderung von Geschlechtergleichstellung und zur nachhaltigen Entwicklung des Sektors. Der gegenseitige Austausch bietet dabei auch Raum, Themen wie inklusive Personalgewinnung, Mentoring oder die Förderung von Frauen in technischen Berufen zu adressieren und so die organisatorische Resilienz sowie eine zukunftsfähige Fachkräfteentwicklung zu stärken.

Weitere Informationen zu den Betrieben und der Partnerschaft befinden sich auf dieser Seite: Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband – Chernihivvodokanal – Miskvodokanal – Betreiberplattform