Zahlreichen karibische Staaten werden von angespülten Sargassum-Algen (Braunalgen) schwer belastet: Sie verunreinigen die Küsten, gefährden die Fischbestände, beeinträchtigen den Tourismus, verbreiten unangenehme Gerüche und gefährden die Gesundheit der Anwohner*innen.
Dieses von Jahr zu Jahr akuter werdende Problem führte aber auch dazu, dass in der Region langsam ein neues Bewusstsein für das Potential einer produktiven Verwertung der Braunalge und anderer organischer Abfälle erwacht. Denn in karibischen Inselstaaten besteht mehr als die Hälfte des Abfalls aus organischen Reststoffen, also aus pflanzlichen, tierischen oder daraus gewonnenen Materialien, die biologisch abbaubar sind. Diese Abfälle landen in der Regel auf Mülldeponien oder werden verbrannt, wodurch klimaschädliches Methan entsteht und wertvolle Rohstoffe ungenutzt bleiben.

Um diesen Problemen zu begegnen können Erfahrungen aus Deutschland, die seit den 70iger Jahren in der Verwertung von organischen Reststoffen gesammelt wurden, einen Beitrag leisten. Lokale Partner beim Management ihrer organischen Abfälle und dem Ausbau der Kreislaufwirtschaft zu unterstützen, haben sich die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten GIZ-Projekte „Stoffliche und energetische Verwertung von organischen Abfällen und Sargassum (BioWaste Karibik)“ und „Unterstützung der Rahmenbedingungen für eine klimakompatible Kreislaufwirtschaft“ zum Ziel gesetzt.
Erkundungsreise legt Basis für langfristige Zusammenarbeit
Auf Initiative der GIZ führte eine Delegation der Entsorgungsbetriebe Lübeck (EBL), Projektmitarbeiterinnen der GIZ sowie technische Experten des Deutschen Biomasseforschungszentrums (DBFZ) vom 17. bis 27. Februar 2026 eine Erkundungsreise in drei Ländern der karibischen Gemeinschaft durch: Saint Lucia, Dominica und Grenada.
Ziel der Reise war es, gemeinsam mit lokalen Verantwortlichen der Abfallwirtschaft die lokalen Strukturen der Abfallwirtschaft besser zu verstehen und konkrete Verbesserungspotentiale und Kooperationsmöglichkeiten im Bereich Bioabfallverwertung (inklusive Sargassum) und Kreislaufwirtschaft zu identifizieren. Die Erkundungsreise fand im Anschluss an die Auftaktveranstaltungen der GIZ-Projekte „BioWaste Karibik“ und „Kreislaufwirtschaft Karibik“ statt.

Einblicke vor Ort: Deponien, Recycling und Austausch
Im Mittelpunkt der Mission standen Besuche der Abfallinfrastrukturen auf den Inseln. Dazu gehörten unter anderem die Deponien in Deglos (Saint Lucia), Fond Cole (Dominica) sowie Perseverance und die Recyclingstation Queens Park (Grenada). Ergänzend fanden Gespräche mit Ministerien, Betreiberunternehmen, Privatwirtschaft und zivilgesellschaftlichen Organisationen statt.
Diese Kombination aus technischen Besichtigungen und strategischem Austausch ermöglichte ein umfassendes Bild der jeweiligen nationalen Abfallwirtschaftssysteme – inklusive ihrer Stärken und Herausforderungen.


Positive Entwicklungen auf den Inseln
Die Analyse zeigte, dass in allen drei Ländern bereits wichtige Fortschritte erzielt wurden:
- Saint Lucia verzeichnet Erfolge bei der Kompostierung und plant den Bau einer neuen Kompostierungsanlage im Süden der Insel.
- Grenada bietet großes Potenzial für öffentlich-private Partnerschaften, insbesondere in den Bereichen Kompostierung, Biogas, organische Düngemittelproduktion und Nutzung von Sargassum-Algen.
- Dominica hat Fortschritte im Kunststoffrecycling und bei Pfandsystemen erzielt. Zudem wurden neue Müllfahrzeuge in Betrieb genommen, wodurch sich Anknüpfungspunkte für technischen Austausch und Schulungen ergeben.

Gemeinsame Herausforderungen und Chancen
Trotz dieser positiven Ansätze wurden auch übergreifende Herausforderungen deutlich:
Da Abfälle noch nicht getrennt gesammelt und systematisch einer Kreislaufwirtschaft zugeführt werden, ist die Deponierung in der Karibik weiterhin gängige Praxis. In Saint Lucia ist der Bau einer neuen Deponie in Planung.
Ein zentrales Thema, auch zur Entlastung der Deponien, ist der Umgang mit Bioabfällen. Da viele Haushalte über Gärten verfügt, besteht großes Potenzial für dezentrale Kompostierung, etwa auf Haushaltsebene, in Schulen oder Gemeinden. Erfolgreiche Beispiele existieren bereits und könnten weiter ausgebaut werden.
Auch das Management von Altreifen stellt weiterhin ein Problem dar, bietet jedoch Chancen für innovative Recyclinglösungen im Sinne der Kreislaufwirtschaft.
Darüber hinaus stehen alle Abfallwirtschaftsbehörden vor finanziellen Herausforderungen. Die Systeme sind stark von staatlichen Mitteln abhängig und generieren bislang nur begrenzte eigene Einnahmen. Neue Modelle zur Ressourcenrückgewinnung und Vermarktung sind daher entscheidend.
Ein weiterer Engpass liegt in der technischen und betrieblichen Ausstattung. Fehlende Maschinen, eingeschränkte Wartungskapazitäten und begrenztes Fachpersonal erschweren vielerorts den Betrieb. Obwohl Dominica als auch Grenada bereits über eigene Werkstätten verfügen, besteht Bedarf nach Schulungen in der Wartungspraxis.

Strategische Schwerpunkte für Praxispartner EBL
Aus den Erkenntnissen der Reise leiten die Entsorgungsbetriebe Lübeck mögliche Handlungsfelder für die zukünftige Zusammenarbeit mit Partnern aus der Region ab:
- Bioabfallmanagement: Ausbau der getrennten Erfassung und Kompostierung. Verwertung von bereits getrennten organischen Reststoffen aus der Industrie.
- Deponiegaserfassung: Aufbau entsprechender Systeme inklusive energetischer Nutzung
- Instandhaltung: Verbesserung von Wartung und Betrieb von Anlagen und Fahrzeugen
- Kreislaufwirtschaft: Stärkung von Recyclingketten und Absatzmärkten
- Umweltbildung: Förderung von Bewusstsein und Wissen, unter anderem durch Bildungsangebote wie die App #wirfuerbio
Fazit
Die Erkundungsreise hat eine wichtige Grundlage für die zukünftige Zusammenarbeit geschaffen. Sie hat nicht nur konkrete Herausforderungen aufgezeigt, sondern auch verdeutlicht, welches Potential ein langfristig angelegter Fachaustausch lokaler Akteure mit deutschen Expert*innen für die Weiterentwicklung der Abfallwirtschaft in der Karibik hat.
Für die Entsorgungsbetriebe Lübeck markiert die Reise damit den erfolgreichen Start als Praxispartner für lokale Akteure der Kreislaufwirtschaft, mit klarem Fokus auf eine ressourcenschonende, zirkuläre Zukunft und insbesondere der produktiven Nutzung von organischen Reststoffen.